Isabelle Weykmans

Der Handballer

Handball ist eine Sportart, in der ostbelgische Teams schon zahlreiche nationale Erfolge gefeiert haben. Ich hatte es als Jugendliche zwar mehr mit Basketball, aber egal. Heute bin ich Sportministerin und persönliche Vorlieben zählen nicht! Es sei denn, es geht ums Private sozusagen: Mein Freund Mathieu ist ja Franzose. Und mit ihm und Freunden habe ich mir natürlich auch die Entscheidungsspiele der französischen Fußballnationalmannschaft gegen die Iren angeschaut. Beziehungsweise hätten wir gerne, aber unser Decoder wollte nicht und so konnten wir uns das Spiel nur anhören.

Ein Augenschmaus scheint das ja wirklich nicht gewesen zu sein. Das wird sich auch das Schiedsrichtergespann gedacht haben und hat mal kollektiv weggeschaut. Das wiederum hatte der Henry gehofft und sich den Ball mal schnell mit der Hand so zurechtgelegt, dass er ihn seinem Kollegen William Gallas weiterspitzeln konnte, der dann keine Mühe hatte, den Ausgleich für die Franzosen zu erzielen. Kollege Gallas behauptete im Interview nach dem Spiel – auf die Hand Thierrys angesprochen -, das sei alles so schnell gegangen, er könne da nix zu sagen. Und der Trainer wollte einfach nur den Augenblick, er nannte ihn „Qualifikation“ genießen.

Wie war das noch bei dem Pakt zwischen Faust und Mephisto? „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ Dann besteht ja noch Hoffnung, werden sich nicht nur die Iren sagen.

Aber zurück zum Handballer Thierry: Ob der in dem Moment an die „Hand Gottes“ gedacht hat, die ja auch schon mal Inselfußballern zum Verhängnis wurde? Vor allem aber: Was hätte Henry tun sollen? Nach seinem Handspiel und nachdem der Unparteiische nichts gesehen hatte – und auch nicht auf die Idee kam, den französischen Stürmer zu der Szene zu befragen.

Henry hab ich in den Minuten nicht beneidet. Hätte der Schiri ihn befragt, hätte er Größe zeigen und sein Handspiel zugeben – und fünf Minuten später selbst den Ausgleich erzielen können. Hat er aber nicht. Sollte Henry hingehen und sagen: Hör mal Schiri, also eigentlich dürfte das Tor nicht zählen, weil: Ich war da zweimal mit der Hand am Ball … Und dann? Man hätte ihn doch sprichwörtlich gevierteilt und wörtlich zerrissen: Die einen hätten ihn zum Helden des Fairplay gemacht. Die anderen zum Deppen der Nation. Und viele von denen, die ihn öffentlich zum Helden gemacht hätten, hätten nach einer halben Flasche Beaujolais Primeur nicht nur einen dicken Kopf, sondern auch einen dicken Hals bekommen – auf Thierry Henry.

Wenn beim Fußball von Fehlentscheidungen die Rede ist, die dann als Tatsachenentscheidungen apostrophiert werden, heißt es oft: Das gleicht sich aus im Laufe der Saison. Hier gab’s aber keine Saison, sondern nur zwei Spiele. Und eigentlich nur noch ein paar Minuten, die den Iren zur Sensation fehlten. Liebe Fifa: Tatsache ist, dass alle dieses doppelte Handspiel des Herrn Henry gesehen haben – man konnte es sogar hören! Alle, nein nicht alle … Aber diese verschwindend kleine Minderheit der Blinden erklärt das doppelte Handspiel kraft ihrer schweigenden Pfeife – mehr sag ich dazu nicht … - für nicht stattgefunden. Iren sind menschlich – zum Glück. Irren ist auch weiter menschlich, Gott sei Dank. Was ich an Henrys Stelle gemacht hätte, fragen Sie? Gegenfrage: Was hätten Sie denn gemacht? Sehen Sie, ich auch!

Jetzt will die Fifa gegen Henry ermitteln und ihn möglicherweise sogar für einige WM-Spiele sperren. Wegen „eklatant unfairen Verhaltens“! Und was passiert mit dem Schiri und seiner eklatanten Sehschwäche?

Übrigens, ich wette, einige Belgier wären froh, sie dürften diese Diskussion führen.